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Einstellungssache

Die Welt ist nicht nur schwarz und weiß.

Das gehört mit zu den wichtigsten Dingen, die ich in der Zeit seit meiner Diagnose und noch mehr seit meinem letzten Schub gelernt habe. Rollstuhlfahrer ist nicht gleich Rollstuhlfahrer und MS-Verlauf ist nicht gleich MS-Verlauf. Jede Behinderung ist so individuell wie ihr “Inhaber”.

Ich will hier nichts beschönigen, eine Behinderung zu haben, ist kacke und vieles wäre ohne sie einfacher. Leider kann man nicht beeinflussen, ob man eine Behinderung hat oder nicht. Entweder man wird mit ihr geboren oder bekommt sie im Laufe des Lebens quasi gratis dazu, ohne gefragt zu werden. Das ist nicht einfach und oft frustrierend, eben weil man es sich nicht aussuchen kann.

Was man aber beeinflussen kann, ist, wie man mit dieser Behinderung, die man vorgesetzt bekommt, umgeht.

Variante 1: Alles ist kacke. Ich kann x und y und z nicht mehr, obwohl ich das so gerne machen würde. Warum trifft das ausgerechnet mich?

Variante 2: Meine Behinderung ist kacke. Wegen ihr gehen x und y und z nicht mehr, was ich sehr schade finde. Aber dafür kann ich noch a und b und c machen.

Natürlich ist es nicht toll, wenn Dinge nicht mehr funktionieren, wie sie sollen. Es ist auch normal (und gesund), deswegen hin und wieder frustriert und traurig zu sein. Nur was bringt es, wenn ich mich den ganzen Tag über die Dinge ärgere, die nicht mehr gehen, und dabei die ganzen Dinge übersehe, die eben noch gehen und über die ich mich freuen könnte? Ist es nicht viel ermutigender, wenn du siehst, was du alles noch kannst, statt den Fokus auf nicht (mehr) Mögliches zu legen?

Mir hilft dieser Blickwinkel sehr oft, weil ich so auch viele positive Seiten sehe.
Hätte ich mir das nicht angewöhnt, dann könnte ich mich nicht darüber freuen, dass so viele Menschen so hilfsbereit sind. Dann würde ich mich nämlich sonst die ganze Zeit darüber ärgern, deren Hilfe überhaupt zu brauchen.
Ich hätte nicht gelernt, dass alles geht, nur oft auf einem anderen wie dem gewohnten Weg. Dann würde ich mich sonst ärgern, dass ein Hindernis vor mir steht, anstatt einfach einen Weg daran vorbei zu suchen (natürlich klappt das in der Praxis nicht immer so einfach, wie sich das in der Theorie hier anhört, aber oft eben schon).
Ich hätte nie meine  Liebe zum Rollstuhlbasketball entdeckt, weil ich sonst viel zu frustriert über meine Probleme mit meinen Beinen gewesen wäre, um mir einen Sport zu suchen, bei dem ich sie einfach nicht brauche.

Viele dieser Einstellungen und Sichtweisen erfordern eine Menge Mut und Selbstbewusstsein, um sie umzusetzen. Das klappt auch nicht von heute auf morgen, sondern ist ein Prozess, der immer wieder bewusst angestoßen werden muss. Du musst dich oft von in der Gesellschaft (und in dir) verbreiteten Annahmen und Erwartungen lösen und den Mut haben, neue Wege zu gehen.

So werde ich oft gefragt, ob die Leute nicht komisch schauen, wenn ich plötzlich aus meinem Rollstuhl aufstehe, um ihn in mein Auto zu laden oder etwas aus einem oberen Regal zu holen. Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung, denn ich habe nie darauf geachtet. Ich könnte es gut nachvollziehen, denn wahrscheinlich hätte ich genauso geschaut, bevor ich meine Diagnose bekommen habe. Aber die Welt ist eben nicht nur schwarz und weiß, sondern hat ganz viele Grautöne. Und wer mit meinem Grauton nicht zurecht kommt, der hat eben Pech gehabt, und passt nicht zu mir.

Deine Behinderung gehört ganz klar zu dir. Du kannst nicht ändern, dass du sie hast. Aber du kannst deine Einstellung zu ihr und deinen Umgang mit ihr ändern. Glaub mir, es lohnt sich.

 

Foto: domilo122 / pixelio

Ein Kommentar

  1. Dominik

    Hey Anna, total cool dass du mein Bild für deinen Blog ausgesucht hast. Ich finde deinen Blog super und bin begeistert deiner Worte. Du bist ein sehr inspirierender Mensch und ich wünsche dir das Beste von Herzen.
    Beste Grüsse domilo122@pixelio.de

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