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Ich simuliere nur

Ich war an einem Samstag Abend im Juni unterwegs von einer Geburtstagsparty zu meinem Auto. Es parkte in einer Anwohnerstraße in der Stadt. Dort angekommen drückte ich auf den Öffnen-Knopf an meinem Autoschlüssel, legte meinen Rucksack auf den Beifahrersitz und rollte gemütlich zum Kofferraum, um meinen Rollstuhl zu verladen. Da ich meistens noch ganz gut laufen kann, nur eben nicht so weit, ist das praktischerweise kein Problem. Also stellte ich mich wie immer vor den Kofferraum, machte die Bremsen fest und stand auf. Jemand rief „Hallo!“. Ich dachte, es wäre jemand anderes gemeint, also fuhr ich einfach damit fort, meinen Rollstuhl auseinander zu nehmen. Plötzlich hörte ich:

„Sie brauchen den Rollstuhl doch eigentlich garnicht!“.

Nun war eindeutig, dass wohl ich gemeint war, denn ich war die einzige Person sowohl weit und breit als auch mit einem Rollstuhl. Ich schaute hoch und sah einen Mann im 4. Stock auf einem Balkon stehen und mir zuschauen. Normalerweise bin ich leider nicht sonderlich schlagfertig, sondern mir fallen passende Antworten immer erst 5 Minuten später ein. Wenn es schon zu spät ist. Diesmal nicht. Ich erwiderte ironisch

„Nein, ich mache das hier alles nur zum Spaß.“

und lud meinen Rollstuhl fertig ein. Bis ich eingestiegen war habe ich keine Antwort mehr vom Balkon bekommen.

Dieses Erlebnis war das Erste seiner Art. Ich wusste, dass mir eines Tages jemand unterstellen würde zu simulieren und trotzdem hat es mich sehr unterwartet heftig getroffen. Obwohl er damit unrecht hatte. Obwohl er keinerlei Recht dazu hatte, über mich zu urteilen, nur weil ich noch laufen kann und nicht vollständig „an den Rollstuhl gefesselt“ bin (übrigens ein schrecklicher Ausdruck, denn niemand ist wirklich an seinen Rollstuhl gefesselt). Er hat mir einfach ungefragt den Eindruck, den ich bei ihm hinterlassen habe, mitgeteilt. Obwohl er weder mich noch die Umstände, weshalb ich rolle, kannte. Auf diesen Moment hatte ich mich innerlich schon länger vorbereitet und war trotzdem überrumpelt davon. Es ist eine der Situationen, auf die du dich einfach nicht vorbereiten kannst, weil sie dich völlig unerwartet trifft. Dann, wenn du am wenigsten damit rechnest und einfach nur nach Hause fahren willst, weil du müde bist.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich das einfach so weggesteckt hätte. Ich habe den ganzen Weg nach Hause durchgängig mit den Tränen gekämpft. Teilweise vor Wut über so viel Unverschämtheit, teilweise aber auch, weil es mich wirklich verletzt hat. Selbst Tage danach hat es mich immer noch beschäftigt. Bis mir irgendwann klar wurde, dass es immer Menschen geben würde, die so denken wie der Mann auf dem Balkon. Die mir meine (nicht immer sofort sichtbare) Behinderung nicht abnehmen und denken, ich würde simulieren. Aber was bringt es mir, wenn ich mich permanent damit auseinander setze, was andere Menschen vielleicht von mir denken, wenn ich zum Beispiel beim Einkaufen aufstehe, um mir etwas aus dem oberen Regal zu holen? Ich würde mich dadurch im Alltag selbst einschränken, weil ich Dinge nicht mehr tun würde, die ich eigentlich kann. Und das kann nun wirklich nicht die Lösung sein, nur weil ein paar Menschen damit vielleicht nicht klar kommen.

 

Foto: Thorben Wengert / pixelio

Ein Kommentar

  1. Silke Bednarz

    Liebe Anna!
    Ich bin kenne deine Erfahrungen , das man für einen Simulanten gehalten wird, weil man noch ein wenig laufen kann, aber eben doch den Rollstuhl braucht, sehr gut. Mir haben sogar Ärzte gesagt, dass ich den Rollstuhl nur aus Bequemlichkeit nutzen würde oder weil ich schneller sein will, als ich es zu Fuß wäre. Klar bei meinem Schneckentempo finde ich den Wunsch, schneller sein zu wollen, nachvollziehbar. Dabei ging es für mich darum, ob ich weiterhin bei Sonntagsausflügen mit der Familie, damals waren unsere Kinder noch klein, zu Hause bleiben muss, weil ich den Weg nicht im Ansatz schaffe, oder dass ich den Lebensmitteleinkauf vorzeitig abbrechen muss, ohne dass ich auch nur einen Bruchteil der Sachen im Wagen hatte, die ich kaufen musste, weil ich nicht mehr gehen konnte.
    Keiner, auch nicht die Ärzte können fühlen, wie anstrengend und schmerzhaft es ist, auf meinen Beinen zu gehen.. ich bin übrigens auch Ärztin, es waren sogar meine Kollegen , die mich nicht verstanden.
    Einmal hat mir ein Schmerztherapeut einen blöden Spruch gegeben:“ Lieber schlecht gegangen als gut gerollt .‘ ich habe darauf hin nur gesagt, entscheidend sei aber auch das Ankommen, wenn ich schlecht gehend überhaupt nicht ankomme, ist es nicht zielführend. Da hat er nur noch dumm geschaut und dann doch zugegeben, dass ich wohl Recht hätte.
    Mir hat in dieser Phase ein Gespräch mit einer Physiotherapeutin , die Rollstuhltraining gibt, sehr geholfen. Sie berichtete mir, dass MS Patienten gerade dadurch große Probleme haben, dass sie weder „Fisch noch Fleisch seien“ also kein Fußgänger aber auch kein dauerhafter Rollifahrer. Nun habe ich mich nicht mehr so alleine mit diesen Zweifeln , ob ich den Rolli weiter nutzen dürfte oder sollte, trotz der Reaktionen einiger meiner Kolkegen, obwohl ich wusste, das es keinen anderen Weg gäbe, wenn ich weiterhin aktiv leben wollte. Physiotherapeuten haben mich immer darin bestärkt, alles zu tun, um am Leben Teil zu haben , natürlich auch mit Rollstuhl, wenn er hilft. Auch meine eigenen Patienten, die mich oft in der Praxis mühsam Laufen sagen, haben gesagt, dass ich viel früher den Rolli hatte nutzen sollen und dass sie mich viel lieber entspannt über den Gang rollen sehen, als so mühsam und langsam laufen.
    Ich weiß bis heute nicht, warum gerade bei manchen Ärzten der Rollstuhl ein absolutes Tabu ist und nur genutzt werden darf, wenn man gar nicht mehr kriechen kann. Er ist einfach nur ein Hilfsmittel nicht mehr und nicht weniger, wie eine Brille. Die darf man auch nutzen, wenn man eine geringe Sehschwäche hat und nicht erst ab
    -8 Dioptrien.
    Ich habe im meiner Auseinandersetzung mit dem Rollstuhl dann mehr und mehr die Einstellung gewonnen, froh darüber zu sein, dass ich die Möglichkeit habe, wenn nötig auch mal stehen zu können und auch ein paar Schritte zu schaffen. Das vereinfachte die Hausarbeit , das Kochen und vieles mehr doch ungemein..
    Inzwischen gehen leider diese wenigen Schritten kaum mehr und jeder sieht, wie schwer ich mir tue, wenn ich denn aufstehen muss . Blöde Kommentare gibt es nun nicht mehr.
    Ich habe gelernt, dass die Gesellschaft nur ein vorgegebenes Bild eines Rollstuhlfahrers hat, nämlich den Mensch mit kompletter Querschnittlähmung. Graustufen gibt es nicht. Vielleicht kann man es den Menschen nicht übel nehmen, sie haben einfach zu wenig Erfahrungen gemacht. Und vielleicht geben wir Rollstuhlfahrer auch zu wenig preis, gerade aus Angst vor dem Unverständnis der Menschen. Ich habe mal gelesen, dass ca. 70% der Rollstuhlfahrer eine Restgehfähigkeit haben. Viele aber zeigen dies nicht , aus oben genannten Gründen.
    Gerade deshalb finde ich deine Offenheit in deinem Blog Super. Schreibe bitte weiterhin so offen deine Erfahrungen.
    Vielen Dank und liebe Grüße , Silke

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